Warum wir einen anderen Journalismus brauchen

Die halbe Wahrheit

Drittes Beispiel: Es ist wirklich toll, dass man inzwischen auch Themen wie Ökologie und Fußball journalistisch einmal zusammenbringt, so wie es in dem Spiegel-Online-Artikel „Öko-Tabelle der Bundesliga: Werder Bremen Deutscher Meister, 96 steigt ab“ geschehen ist. Auch wenn es sich dabei nur um die Berichterstattung über eine Aktion der Grünen handelt und nicht um ein selbst gesetztes Thema. Die Grünen haben nämlich eine „Erneuerbare-Energien-Bundesligatabelle“ erstellt. Dafür haben sie den Bundesliga-Vereinen drei Fragen gestellt:

  1. Welche Erneuerbaren-Energien-Anlagen gibt es bei Ihnen im Verein zur Stromerzeugung für Ihre Sportstätten und anderen Vereinsgebäude und welche elektrische Leistung wird dadurch erzeugt?
  2. Wie viel Prozent des Strombedarfs deckt der Verein mit diesen Erneuerbaren-Energien-Anlagen am Gesamtstromverbrauch ab?
  3. Welche Verträge mit Ökostrom-Produzenten und Zulieferern existieren und welchen Ökostromanteil am Gesamtstromverbrauch hat der Verein damit?

Es geht also bei dieser Tabelle eindeutig darum, wie viele Erneuerbaren-Energien-Anlagen ein Verein hat, wie viel Strom er damit erzeugt, wie viel seines Bedarfs er damit deckt und ob und wie viel externen Ökostrom er bezieht. Kurzum, es geht um die Nutzung erneuerbarer Energien bei Fußballvereinen. Um mehr nicht.

Zwar dreht sich auch der Artikel um erneuerbare Energien, beim Leser bleibt aber am Ende ein Bild hängen, dass es hier um die Umweltfreundlichkeit oder sogar Nachhaltigkeit von Fußballvereinen geht. Das passiert vor allem durch die Wortwahl. So lautet zum Beispiel die Überschrift „Öko-Tabelle der Bundesliga: Werder Bremen Deutscher Meister, 96 steigt ab“. „Öko“ suggeriertUmweltfreundlichkeit, dabei geht es einzig und allein um erneuerbare Energien. Doch die Autoren bleiben auch im Folgenden bei Begriffen wie „Sportlich top, ökologisch flop“, „grün“ oder „Umweltranking“.

Hinzu kommen scheinbar logische Verknüpfungen zwischen Geldgebern und ökologischer Realität in den Vereinen. Demnach muss der Verein Bayer Leverkusen erwartbar im „Öko-Tabellenkeller“ landen, weil der Verein „den Chemieriesen Bayer sogar im Vereinsnamen trägt“. Ebenso der VfL Wolfsburg, weil er eben vom Autobauer VW gesponsert wird. Der VfB hingegen „aus der Autostadt Stuttgart trotzt dem Klischee und ist Öko-Vizemeister.“ Wohlgemerkt handelt es sich hier um ein Klischee, das sich die beiden Autoren des Artikels selbst ausgedacht haben.

Alles in allem suggeriert der Text, dass bestimmte Vereine vorbildlich ökologisch sind und andere nicht. Dabei wird verschwiegen, dass zu einem ökologisch guten oder sogar nachhaltigen Verein noch andere Qualitäten zählen als nur die Nutzung von erneuerbaren Energien. Es wird also nur die halbe Wahrheit erzählt.

Was Journalsiten tun solltenSo wäre zum Beispiel in puncto Ökologie zu überlegen, wie gut die Stadien mit dem öffentlichen Verkehr zu erreichen sind, welche Baumaterialien verwendet wurden, ob die Stadien auch für andere Zwecke im Sinne von Effizienz genutzt werden, wie das Müllmanagement der Vereine aussieht, ob die Mannschaften mit Flugzeug oder Bus reisen, ob es in den Stadien auch vegetarische oder vegane Speisen gibt, und, und, und.

Hätte man den Artikel unter Nachhaltigkeitsaspekten geschrieben, hätte man erwähnen müssen, dass dazu nicht nur die Verwendung von Ökostrom gehört, sondern zum Beispiel auch die Sozialstandards der Angestellten, deren Bezahlung, die Verwendung fairer Produkte, das Investment der Vereine, die Kooperationspartner, Lieferketten, gesellschaftliche Verantwortung der Vereine, etc.

Natürlich kann und sollte man über Initiativen wie die Erneuerbare-Energien-Tabelle der Grünen berichten. Man sollte sich aber davor hüten, durch Begriffe wie „Öko“ vermeintliche Realitäten zu suggerieren und dafür die Zusammenhänge wegzulassen. Mit ein oder zwei Absätzen mit Hintergrundinformationen und dem behutsamen Umgang mit „grünen“ Begriffen hätte man in dem Artikel auch die ganze Wahrheit erzählen können.

Fazit: Diese Beispiele sind nur einige von vielen und sie zeigen, dass Nachhaltigkeit als der zentrale Aspekt noch immer viel zu wenig in der Berichterstattung mitgedacht wird. Wir brauchen also Journalisten, die 1. Ahnung von Nachhaltigkeit haben und deshalb die richtigen Fragen stellen, 2. diese Aspekte in ihre Berichterstattung einfließen lassen, 3. Themen in einem Gesamtzusammenhang denken können und 4. das dem Leser/Zuschauer/Hörer spannend erzählen können.

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