„Man darf die Menschen nicht entmündigen!“

Eigentlich wollte man ja öfter bio und fair kaufen, im Kühlschrank steht aber wieder nur Essen vom Discounter. Warum ist es nur so schwer, nachhaltiger zu leben? Und was kann einem dabei helfen? Konsumforscherin Professor Liedtke beschreibt im Interview die Vielfalt der Ansätze, wie man sein Verhalten am besten ändern kann.

Frau Professor Liedtke, wie frei sind wir denn wirklich in unserem Handeln, zum Beispiel bei unserer Ernährung?

Liedtke: Ich möchte mich da nicht auf eine Prozentzahl festlegen, aber es spielt zum einen die genetische Disposition eine Rolle, wie und mit was ich mich ernähre. Das heißt, hier kommt rein strukturell das evolutionsbiologische Gedächtnis zum Tragen, das sich die Gewohnheiten über Millionen Jahre eingeprägt hat. Der zweite wichtige Faktor ist die Sozialisation, mit der bestimmte Ernährungspraktiken in der Familie oder im Umfeld verbunden sind. Dann kommt noch hinzu, in welcher Umgebung ich mich ernähre: Esse ich zuhause oder in der Schule, hat mein Arbeitgeber eine Kantine oder muss ich mir in der Mittagspause selbst etwas am Imbiss kaufen? Wichtig ist auch noch die Zeit, die ich jeweils zur Verfügung habe. Muss ich morgens noch die Kinder wegbringen oder habe ich nur eine halbe Stunde Zeit für die Mittagspause, und, und, und. Diese mein Leben rahmende Infrastruktur spielt für meine Ernährung eine große Rolle. Das erklärt auch, warum man nicht gleich alles verändern kann. Gegen Strukturen und Zeitrestriktionen zu kämpfen, kostet immense Kraft.

Je länger ich diesen Zwängen unterworfen bin, desto stärker verfestigen sich aber auch meine Gewohnheiten. Welche Rolle spielen denn Automatismen in meinem Handeln?

Liedtke: Automatismen haben eine ganz wichtige Funktion, denn sie helfen mit, die Zeit zu gewinnen, die ich für mich wirklich wichtige Tätigkeiten brauche. Ich will ja gar nicht die ganze Zeit darüber nachdenken, wie ich meine Ernährung und die meiner Familie manage. Ich will ja lieber die Zeit mit meinem Mann und meinen Kindern oder Freunden genießen, also soziale Kontakte entwickeln. Dafür haben wir eben solche Automatismen. Ich würde ja auch verrückt werden, wenn ich jede einzelne Entscheidung immer wieder neu treffen müsste. Es reicht ja schon jeden Tag auf Unvorhergesehenes adäquat zu reagieren und Risiken abzuwenden. Hierin sind die Menschen Meister – genau diese Kompetenz kann man nutzen.

Das bedeutet aber auch, dass Essgewohnheiten, wie zum Beispiel der Verzehr von Tütensuppen, die man sich als Kind angeeignet hat, im Erwachsenenalter längst Automatismen geworden sind.

Liedtke: Nun will ich nicht unbedingt sagen, dass Tütensuppen wahnsinnig ungesund sind, sie sind aber auch nicht wahnsinnig gesund. Es kommt auf die gesamte Mischung meines Essverhaltens an – natürlich kann ich auch im Süßen schwelgen oder deftig essen. Genuß ist doch eine wichtige Komponente unseres Lebens oder? So kann beispielsweise auch der Gang in die Kantine insgesamt nachhaltiger sein als das Kochen am heimischen Herd, weil eine Großkantine wesentlich Ressourcen schonender kochen kann – zumindest wenn dort ein gewisses Nachhaltigkeitsmanagement betrieben wird. Gleichzeitig muss ich aber zuhause die Kompetenzen erhalten, den Wert des Essens und das Wissen über Nahrungsmittel überhaupt wertschätzen zu können. Nur so kann man sich auch die eigenen Essgewohnheiten bewusst machen und gegebenenfalls auch ändern.

Gerade wenn ich in einer Familie lebe, betreffen meine Änderungswünsche nicht nur mich, sondern auch andere. Wie kann ich meinen Wunsch nach Veränderung trotzdem umsetzen?

Liedtke: Ganz wichtig ist, dass bei allen der Wunsch zur Veränderung besteht. Sonst verfällt man gleich bei der ersten oder zweiten Hürde wieder in seine alten Gewohnheiten. Wenn wir mit Familien oder Institutionen nach Änderungsmöglichkeiten forschen, dann üben wir das neue und gewünschte Verhalten bei bestimmten Situationen ein, in denen eine Veränderung eintreten soll. Wenn man das ständig wiederholt, wird das neue Verhalten dann zur Routine und tritt im Alltag wieder in den Hintergrund, da automatisiert. Dann kann ich den nächsten Schritt gehen.

„Möglichst wenig online machen“

Wie erleichtert man sich denn seine Verhaltensänderung?

Liedtke: Ich persönlich versuche zum Beispiel möglichst wenig online zu machen. Nicht, weil ich es falsch finde, sondern weil alles andere mehr Zeit kostet. Wenn ich etwas physisch tue und nicht virtuell, brauche ich mehr Zeit und kann in dieser Zeit keine anderen Ressourcen verbrauchen. Dadurch entschleunige ich auch mein Leben. Ich konzentriere mich auch mehr auf diese Handlung, sie wird dadurch mehr Wert. Gleichzeitig gewinne ich Zeit, zu überlegen, ob der Besitz von noch mehr Produkten mich im Alltag eher be- oder entlastet. Ich schätze in den Haushalten werden weniger als 10% der Güter überhaupt genutzt – rechnen Sie das mal in Mietfläche und Quadratmeterpreise aus.

Ganz wichtig ist dabei auch, einfach mal zu reflektieren, wofür ich eigentlich meine Zeit verwende. Dann fällt mir nämlich die eigentliche Irrationalität meines Handelns auf.

Also erst einmal ein Bewusstsein für sein eigenes Tun schaffen.

Liedtke: Genau, denn dann sehe ich die Punkte, die ich gerne verändern würde. Dann muss ich die Veränderungswünsche den Strukturen anpassen, die für mich möglich sind. Wenn ich zum Beispiel zuhause keine Möglichkeit habe, meine Wäsche aufzuhängen und sie nicht in den Energie fressenden Trockner stecken will, muss ich mir Kompromisslösungen überlegen, die für mich machbar sind. Wenn dann noch die Hersteller auf die Idee kämen, mit den Verbrauchern zusammenzuarbeiten und die Geräte im Mix der Lebenswirklichkeit der Menschen in der Praxis anzupassen, könnte man nutzerfreundliche Geräte erfinden, die tatsächlich Energie einsparen und den Alltag unterstützen. Bisher gucken sich die Hersteller aber meist nur ihre eigene isolierte Welt, also zum Beispiel das Wäschewaschen an. Das ist aber in der Welt der Verbraucher immer eingebettet in komplexe Zusammenhänge: Während ich waschen will, kocht das Essen in der Küche, ich muss meinem Sohn etwas erklären und an Tür klingelt die Post.

Sozialisation, genetische Disposition, gesellschaftliche Strukturen, Automatismen – sein Verhalten zu ändern ist unglaublich mühselig, oder?

Liedtke: Ich würde nicht mühselig sagen, sondern eher charmant. Wir verändern uns doch ständig in der Interaktion miteinander – dadurch fühlen wir uns lebendig und gestalten aktiv mit. Es macht Spaß, etwas Gewünschtes zu erreichen.

Charmant?

Liedtke: Ja, denn der Mensch ist ein strategisches Wesen, das nicht entmündigt werden will. Wenn ich entmündigt werde, gehe ich Umwege und das dann meistens ressourcenintensiv. Wir werden aber ständig entmündigt. Durch Strukturen und durch unsere Restriktionen. Das heißt, ich habe vermeintlich wenig Handlungsspielraum und oft ganz viel Frust. Veränderung macht aber Spaß und genau hier kann man ansetzen. Dafür muss man aber erst einmal mit einer kleinen Sache anfangen und nicht gleich mit dem großen Ganzen. Veränderung von etwas Großem fängt mit kleinen Schritten an. Wenn man erste kleine Erfolge sieht, dann motiviert das, weiterzumachen. Dieses Wollen kann man unterstützen. Das ist das, was Nachhaltigkeit bisher fehlt.

„Energiewende ist nicht nur Technikwende“

Welchen Beitrag können denn Wirtschaft und Politik leisten, um den Menschen den Weg zu mehr Nachhaltigkeit zu erleichtern?

Liedtke: Im Prinzip das, was sie bisher auch tun, nur anders. Denn wir haben das Problem, dass das bisher nichts gebracht hat. Nehmen wir das Beispiel CO2-Emmissionen. Die steigen sogar. Hier müsste ein Perspektivwechsel her. Energiewende ist nicht nur Technikwende, sondern vor allem auch Routinen- und Deutungswende in Produktion und Konsum. Wir müssen Technik nicht nur entwickeln, um Treibhausgasemissionen einzusparen – das natürlich auch. Die Technik muss aber auch so gestaltet werden, dass es den Menschen Spaß macht, sie einzusetzen. Diese Perspektive fehlt bisher. Bei den Herstellern, so ist unsere Erfahrung, gibt es aber durchaus das Interesse, sich solches Wissen anzueignen. Von Politikseite müsste Hauswirtschaft als ein wichtiger Teil der Wirtschaft angesehen werden – und zwar als ein sehr komplexer. Diese Kompetenzen müssten dann auch in der Schule und in der Ausbildung vermittelt und am besten experimentell erprobt werden. Dafür braucht man aber wiederum ganz andere Innovationsinfrastrukturen. Das ist eine Jahrzehnt- oder Jahrhundertaufgabe.

Schneller ginge es aber ganz einfach mit Gesetzen. Muss man die Menschen wirklich mitnehmen?

Liedtke: Die Politik ist nur so gut wie die Gesellschaft, die dahinter steht. Man erzieht sich ja sozusagen gegenseitig. Wenn die Risiken zu groß werden, muss man das natürlich mit Gesetzen regeln. Aber ich darf die Menschen nicht entmündigen, sonst gehen sie nicht mehr mit. Dann erreiche ich genau das Gegenteil dessen, was ich eigentlich wollte. Das ist ein sehr komplexes Wechselspiel für die Politik und Bürger.

Die Menschen nicht zu entmündigen bedeutet aber auch, tolerant gegenüber Fehlentwicklungen zu sein. Beispiel Konsum – der ist inzwischen völlig von seinem eigentlichen Sinn entkoppelt.

Liedtke: Ja, aber um Veränderungen zu bewirken, muss man noch genauer hinsehen und die Codierungen des Konsums entschlüsseln. Nehmen wir einmal die SUVs. Die sind gerade Trend, aber auch unglaubliche Ressourcenschleudern. Jetzt muss ich aber überlegen, warum den Menschen diese Autos so wichtig sind und was sie damit verbinden – die Menschen sind ja nicht blöd, sondern intelligent. Statussymbole sind wichtig für eine Gesellschaft, denn sie stiften Identität und Zugehörigkeit. Will man eine nachhaltigere Mobilität, dann braucht man andere Statussymbole. Momentan sagen wir einfach nur, SUVs sind nicht nachhaltig und die Leute sollen ihr Kaufverhalten ändern – nutzen statt besitzen sind hier die Schlüsselwörter. Das ist aber zu wenig. Wenn man akzeptiert, dass Statussymbole eine bestimmte Währung für Anerkennung und Wertschätzung in der Gesellschaft sind, dann kann man gemeinsam diese Deutungsmuster in der Gesellschaft drehen. Bestes Beispiel ist das Rauchen. Da hat sich das gesellschaftliche Bewusstsein ganz stark gewandelt.

Zur Person: Frau Professorin Christa Liedtke ist Gastprofessorin an der Folkwang Universität der Künste und leitet beim Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie GmbH die Forschungsgruppe Nachhaltiges Produzieren und Konsumieren.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.