Warum wir einen anderen Journalismus brauchen

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Sccreenshot "Angst vor Frackin", Reportage Panorama, NDR
Sccreenshot „Angst vor Fracking“, Reportage Panorama, NDR

„Die Medien“ zu kritisieren, ist ungefähr so originell wie FC-Bayern-Fan zu sein. Zu oberflächlich, zu unkritisch, zu anbiedernd, zu was-weiß-ich-noch-alles. Eine Kritik sei aber noch gestattet. Genau, es geht um Nachhaltigkeit. Und da ist noch gehörig Luft nach oben. Drei Beispiele.

Nun hat es Nachhaltigkeit in der journalistischen Berichterstattung ohnehin schwer. Es ist ein Querschnittsthema, das sich nicht einem bestimmten Ressort zuordnen lässt. Ohne eine solche Zuordnung gibt es aber auch keinen Verantwortlichen. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass jeder Journalist, jedes Ressort bei seiner Berichterstattung Nachhaltigkeit, bzw. nachhaltige Aspekte mitdenken muss. Angesichts der Probleme, die wir in puncto Klimaerwärmung, Menschenrechte, Umweltzerstörung, Tierrechte, etc. haben, bzw. die noch auf uns zukommen, können sich Medien eine Berichterstattung, die diese Aspekte nicht berücksichtigt, eigentlich nicht mehr leisten – alleine schon, um ihrer journalistischen Sorgfaltspflicht nachzukommen.

Das bedeutet nicht, dass man nur noch über den Klimawandel schreiben muss, aber man muss ihn viel häufiger mitdenken. Auch und gerade in den Mainstream-Medien. Dass Magazine wie enorm oder zeo2 ihren Job diesbezüglich sehr gut machen – geschenkt. Aber hier erreicht man nur die Leser, die sich ohnehin schon für solche Themen interessieren. Wichtig sind die anderen Medien, die die ganze Themenbandbreite anbieten. Doch gerade hier zeigt sich immer wieder, wie wenig Zukunftsfragen im Denken der Journalisten eine Rolle spielen.

Risikowahrnehmung und Journalismus

Erstes Beispiel: Im Februar veröffentlichte Spiegel Online einen Artikel mit der Schlagzeile „Koalitionsgipfel im Kanzleramt: Fünf wichtige Themen, die Schwarz-Rot verschläft“. Das klingt danach, dass bei der Prioritätensitzung in der Koalition etwas nicht stimmt. In der Tat werfen die Autoren des Beitrags den Teilnehmern des Koalitionsgipfels vor, sich um Dauerbrenner zu kümmern, die „nie von der Tagesordnung verschwinden wollen“. Abgesehen davon, dass eine Nicht-Diskussion von Dauerbrennern, diese erst recht zu solchen macht, kommen die Autoren zu dem Schluss, dass es „ausreichend neue Themen und Projekte gäbe, die sich Merkel und ihre Minister wirklich einmal vornehmen könnten.“

Was könnte das sein? Vor welchen Problemen steht Deutschland, steht die Welt, die am drängendsten angegangen werden müssten? Und genau hier kommt das Problem mit der Nachhaltigkeit ins Spiel. Würde man die Liste der drängendsten Probleme unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit betrachten, also darunter, wie es die Menschheit schafft, noch ein Weilchen zu überleben, dann müssten ganz sicher folgende Dinge auf dem Zettel stehen, über die Merkel und Minister diskutieren sollten: Reduzierung des CO2-Ausstosses, Erhalt der Biodiversität und damit verbunden die dringend notwendige Agrarwende, eine Verbesserung der Menschen- und Tierrechte, Schutz der Meere, Ressourcenknappheit, weltweite Ernährungssicherung, Diskriminierung, Bildung, und, und, und.

Die Autoren sehen das anders und fordern von der Kanzlerin, sich doch lieber mit diesen Themen zu beschäftigen: Steuerreform, ein modernes Einwanderungsgesetz, digitale Agenda, Langzeitarbeitslosigkeit, soziale Spaltung. Heißt das, dass man erst wieder über eine Steuerreform diskutieren darf, wenn man den Klimawandel aufgehalten hat? Natürlich nicht. Steuerreformen und die digitale Agenda sind wichtige Themen. Es geht vielmehr darum, dass Journalisten 1. überhaupt an solche Zukunftsthemen denken und ein wenig über den Tellerrand der Tagesaktualität schauen und 2. diesbezüglich ihre Risikowahrnehmung schärfen und eine entsprechende Einordnung an ihre Leser weitergeben. Sonst kann ich mich am Ende zwar darüber freuen, dass ich meine Steuererklärung in einer halben Stunde machen kann, aber dafür keine Fische mehr im Meer schwimmen.

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