Warum wir einen anderen Journalismus brauchen

Nachhaltigkeit und die falschen Fragen

Zweites Beispiel: Fracking. Bei diesem Wort sträuben sich wohl jedem die Nackenhaare, der nicht für eine Ölfirma arbeitet. Fracking, das ist ein Reizthema, bei dem Gut und Böse auf der Hand zu liegen scheinen. Genau das zu hinterfragen, hatte sich im vergangenen September die Redaktion von Panorama zur Aufgabe gemacht. Herausgekommen ist ein halbstündiger Beitrag, der im Kern der Frage nachgeht, wie gefährlich Fracking wirklich ist. Es kommen besorgte Anwohner zu Wort, ebenso wie Umweltministerin Barbara Hendricks, Maria Krautzberger, Präsidentin des Umweltbundesamtes, Dorfbewohner aus Frackingebieten in den USA, Wissenschaftler, Vertreter der Ölindustrie, etc.

Dreh- und Angelpunkt ist aber eine Studie des Umweltbundesamtes, die die Gefahr des Frackings untermauern soll. Der Knackpunkt: Die Reporter von Panorama finden in der Studie selbst kein angebliches Fazit, dass Fracking nicht beherrschbar sei und man es in Deutschland besser damit bleiben lässt, und fragen beim Leiter besagter Studie, Uwe Dannwolf, noch einmal nach. Der bestätigt, dass es ein solches Fazit in der Studie gar nicht gibt. Dannwolf selbst hält Fracking an sich nämlich durchaus für beherrschbar, man könne aber die Sicherheitsvorkehrungen bei den Bohrungen verbessern. Im Folgenden geht es dann um den Druck beim Fracken, um Methan im Grundwasser, um undichte Bohrrungen der Vergangenheit, die den schlechten Ruf des Frackings förderten, Opfer übertriebener Medienaufmerksamkeit, die Gefährlichkeit von Frackingflüssigkeit, usw.

Auf den ersten Blick scheint der Bericht ausgewogen und journalistisch einwandfrei. Das Fazit der Reportage, Fracking sei durchaus beherrschbar und weit weniger gefährlich als überall verbreitet, scheint schlüssig und die strengen Vorschriften in Deutschland nur dem Druck der Fracking-Gegner geschuldet. All das mag richtig sein oder falsch, spielt aber eigentlich erstmal keine Rolle. Denn knapp zwanzig Sekunden vor Schluss kommt eine Bemerkung des Sprechers, die zeigt, dass dieser Reportage der alles entscheidender Aspekt völlig fehlt: „In der eigenen Erde liegen Gasvorräte, die uns unabhängiger machen könnten“, sagt der Sprecher in Anspielung auf den Bedarf an fossiler Energie in Deutschland und unsere Abhängigkeit von anderen Ländern wie Russland.

Hier kommt die Frage zur Sprache, die sich die Autoren der Reportage unbedingt hätten stellen müssen, bevor sie sich überhaupt an die Frage machen, ob Fracking gefährlich ist oder nicht. Nämlich, ob man in Deutschland, ob man in der Welt, Fracking überhaupt braucht. Dazu gehören andere Fragen wie „wie wirtschaftlich ist Fracking?“, „wie viel Gas liegt überhaupt in der Erde?“, „wie lange würde dieses Gas denn überhaupt reichen?“, „sollte man wirklich Fracking betreiben, wo man doch eigentlich angesichts des Klimawandels auf fossile Energieträger verzichten wollte? und in diesem Zusammenhang: „Behindert Fracking nicht den Fortschritt bei der Energiewende?“. Erst wenn man Antworten auf diese Fragen hat, lohnt es sich überhaupt, über Fracking und dessen Gefährlichkeit nachzudenken. Alles, was beim Zuschauer aber am Ende der Reportage hängen bleibt, ist die Erkenntnis, dass beim Fracking alles nur halb so wild ist.

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